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Austauschbarkeit der (Technik-)Kritik


Kathrin Passig hat sich die Mühe gemacht und die immer wiederkehrenden Ansätze der Technikkritik analysiert und in einem wunderbaren Text bei Eurozine verpackt. Der Text ist zum Einen eine Offenbarung mit erschreckend hohem Wiedererkennungswert und zum Zweiten aber auch beruhigend, da es nur eine überschaubare Anzahl von Ansätzen und damit auch eine überschaubare Anzahl an Entkräftungen zu geben scheint.
Oder geben sich die Kritiker schlicht nicht ordentlich MĂĽhe?
Könnte es eventuell sein, dass es um technisch, motivierte Veränderungsprozesse geht, aber die Konstruktionen der Kritik folgen eher dem menschlichen Ansatz der Fortschrittsvermeidung und Besitzstandswahrung – der Angst vor Veränderung – der Angst sich im dunklen Fortschritt zu bewegen.

Frau Passig strukturiert die empirische Analyse und belegt diese mit historischen Beispielen, die alleine fĂĽr sich schon die Argumentation der Kritik absurd erscheinen lassen. Bitte lesen Sie den orignalen Text bei Eurozine, es lohnt sich sehr.

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1. What the hell is it good for?
– IBM Ingenieur Robert Lloyd 1968 bezĂĽglich des ersten Mikroprozessors.
– 1667 Louis XIV fĂĽhrt die StraĂźenbeleurchtung in Paris ein. –> “das ist eine MaĂźnahme des Königs, um die StraĂźen unter seine Kontrolle zu bringen”

2. Wer will denn das?
– US President Rutherford B. Hayes 1876 bezĂĽglich Vorstellung erstes Telefon “thats an amazing invention, but who would ever want to use one of them?”
– Filumstudiochef Harry M. Warner 1927 – “Who the hell wants to hear actors talk?”

3. Die Einzigen die das Neue wollen, sind zweifellhafte oder privilegierte Minderheiten.
– 1990: Das Internet wird ausschlieĂźlich von weiĂźen, ĂĽberdurchschnittlich gebildeten Männern zwischen 18 und 45 genutzt.
– Insbesondere Terroristen, Nazis und Pornographiehersteller und – Konsumenten bedienen sich des Internets.

4. Einfach die Augen ganz fest zumachen.
– 1996 schwedische Ministerin fĂĽr Verkehr und Kommunikation: “Das Internet ist eine Mode, die vielleicht wieder vorbeigeht.”

5. Leugnen der Auswirkungen.
– französicher Generalstabschef 1920: “Täuschen Sie sich nicht, durch (das Maschinengewehr) wird sich absolut nichts ändern”

5a. Ist nur ein schönes Spielzeug.
– “Das Internet wird die Politik nicht verändern” (taz, 2000)”
– ein schönes Spielzeug ohne praktische Konsequenzen: “a pretty mechanical toy” (Lord Kitchener um 1917 ĂĽber die ersten Panzer)

5b. Es lässt sich kein Geld damit verdienen.
– Spiegel 1996: Josef Schäfer, Bereichsleiter fĂĽr Multimedia beim Essener RWE-Konzern. “Multimedia sei zwar ‘ein interessanter Markt, bei dem alle dabeisein wollen … Doch ist der Kunde auch bereit, Geld dafĂĽr zu zahlen?”

5c. Die Beteiligten haben sich einander nichts mitzuteilen.
– Henry David Thoreau 1854: “Wir beeilen uns stark, einen magnetischen Telegraphen zwischen Maine und Texas zu konstruieren, aber
Maine und Texas haben möglicherweise gar nichts Wichtiges miteinander zu besprechen”
– Andrew Keen 2007 in The Cult of the Amateur: “Abermillionen von aufgedrehten Affen (und viele nicht talentierter als unsere
Cousins unter den Primaten)”, die nichts anderes zustande brächten als “endlose digitale Wälder des Mittelmäßigen”

Eine Weile vergeht und es ist schlicht nicht mehr zu leugnen, dass das Neue sich weiter Verbreitung erfreut, keine Anstalten macht, wieder zu verschwinden, und sogar kommerziell einigermaĂźen erfolgreich ist.

6. Das Neue ist ganz gut aber nicht gut genug.
– Es kostet Geld und wird immer teurer werden.
– Peter Glaser 1996 im Spiegel unter dem Titel World Wide Wait: “Experten befĂĽrchten, dass das Ăśberlastproblem in wenigen Jahren einen kritischen Punkt erreicht, wenn nicht zuvor eine Lösung gefunden wird. Bis dahin wird die Geschwindigkeit im Netz weiter spĂĽrbar zurĂĽckgehen”
– Grundsätzlich ist die Innovation auch ĂĽberkompliziert und anfällig.
– AuĂźerdem ist das Neue auch nicht zuverlässig.

7. Schwächere können damit nicht umgehen.
(Schwächere in diesem Zusammenhang können sein: Frauen und Kinder, Jugendliche, Randgruppen und andere leicht zu beeindruckende Mitmenschen)
– 1844 das Universallexikon der Erziehungs- und Unterrichtslehre in der zweiten Auflage.: “Man liest, nicht um sich mit Kenntnissen zu bereichern, sondern nur um zu sehen, man liest das Wahre und das Falsche prĂĽfungslos durcheinander, und dieĂź lediglich mit Neugier ohne eigentliche WiĂźbegier. … Die Zeitverschwendung, die dadurch herbeigefĂĽhrt wird, ist doch nicht der einzige Nachtheil, welcher aus der Vielleserei entsteht. …”
– Spiegel August 2008 beklagte: “Der Kommunikationswahn im Netz hat verhaltensauffällige und hochnervöse Individuen hervorgebracht, die immer mehr erfahren und immer weniger wissen.”

8. Etikettefragen
– in den Anfängen des Buchdurckes galt das Verschenken eines Buches als unfein.
– getippten Privatbriefen haftete bis in die achtziger Jahre ein Beigeschmack des Unhöflichen an.

9. Hat die neue Technik mit Denken, Schreiben oder Lesen zu tun, dann verändert sie, ganz sicher unsere Denk-, Schreib- und Lesetechniken zum Schlechteren
– 1870 Die Postkarte ist ganz sicher der Sargnagel der Briefkultur
– Neuen ZĂĽrcher Zeitung war 2002 wiederum zu lesen, die mechanische Schreibmaschine habe durch ihre unterschiedlich stark gefärbten Buchstaben und ihre Geräusche Individualität verkörpert und an die Dynamik der Musik erinnert.
– Spiegel 2004: “leicht verdaulichen Texthäppchen und Schaubilder” der Präsentationssoftware Powerpoint, die zu einer “Verflachung
des Denkens” fĂĽhren, sowie die angeblich nachlassende Fähigkeit, längeren Texten ĂĽberhaupt noch zu folgen.

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Das bringt mich zu dieser noch stärker komprimierten Zusammenfassung:

1. Wozu ist das Gut?
2. Wer will denn das?

Bei 1. und 2. könnte man sagen, dass der Kritiker schlicht unterinformiert ist und unfreundlich um mehr Informationen bittet.

3. Wollen nur Randgruppen und Minderheiten.
4. Ganz fest die Augen zu.

Bei 3. und 4. beginnt das Lämpchen im Kopf zu glimmen, aber leider gewinnt noch die gefühlte Ahnung vor der rational verarbeiteten Information.
Augen wieder auf – Mist noch da, aber …

5. Es hat schlicht keine Auswirkungen.
5a. Spielerrei
5b. aber Geld verdienen geht damit nicht
5c. die Nutzer haben nicht genug “Masse”

Hier beginnt die aktive Beschäftigung mit dem Thema aber es dürfen natürlich alle Bedenken frei geäußert werden. Je pauschaler umso besser. Dies ist auch gleichzeitig die Schwäche der Kritik, da sie zwangsläufig immer oberflächlich bleiben muss.

6. Aber gut genug ist es sicher nicht.
7. Schwächere können damit nicht umgehen.

Wenn nichts mehr bleibt, dann doch der Retter in schimmernder Rüstung für die Hilflosen und Ohnmächtigen.

8. Etikette bitte
9. Die Veränderung bewirkt ganz sicher nur Schlechtes.

Als letzter Versuch bleibt häufig einfach nur noch die Ermahnung doch die Etikette zu wahren und der erhobenen Zeigefinger, dass die Zukunft sicher schwierig und gefährlich und düster wird, wenn wir nicht alles so lassen wie es doch jetzt so schön und strahlend ist.

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